Als Wilhelm, Erbprinz von Hessen-Kassel und Graf von Hanau-Münzenberg (1743-1821) 1764 die Regierungsgeschäfte in Hanau übernimmt, ahnt noch niemand, dass die einundzwanzig Jahre dauernde Regentschaft des Erbprinzen in der kleinen Residenzstadt als “Hanaus güldene Zeit” in die Geschichte eingehen würden. Nach dem Tod seines Vaters, Landgraf Friedrich II., verlässt Wilhelm 1785 Hanau, um in Kassel als Landgraf Wilhelm IX. das Erbe seines Vaters anzutreten. 1803, kurz vor dem Ende des “alten Reiches” wird Wilhelm in den Kurfürstenstand erhoben. Der nunmehr stolze Kurfürst Wilhelm I., der niemals an der Kür eines deutschen Kaisers beteiligt war, verachtet die zeitgenössischen Errungenschaften der französischen Revolution zutiefst. Nach der Rückkehr aus seinem sieben Jahre dauernden Exil 1813, behandelt er die napoleonische Zeit schlicht als nicht vorhanden und führt bei seinen Soldaten den vorrevolutionären Zopf wieder ein.
Wie kommt nun ein gerade 21 Jahre alt gewordener jung verheirateter Erbprinz von Hessen-Kassel auf den bescheidenen Hanauer Grafenthron? 1736 war die Grafschaft Hanau-Münzenberg durch Erbvertrag an die Landgrafen von Hessen-Kassel gefallen und Wilhelms Großvater, Landgraf Wilhelm VIII., regierte die Grafschaft von Kassel aus bis zu seinem Tod 1760. 1754 hatte der alte Landgraf durch eine Indiskretion vom Übertritt seines Sohnes, Erbprinz Friedrich, zum katholischen Glauben erfahren. Ein unerhörter Vorfall für das reformierte Hessen-Kassel. Landgraf Wilhelm VIII. reagierte sofort: Er zwingt seinen Sohn, die so genannte “Assekurationsakte” zu unterschreiben, in der der Religionswechsel nicht als Staatssache, sondern als persönliche Angelegenheit des Prinzen angesehen wird. Ferner wird bestimmt, dass die drei Söhne Erbprinz Friedrichs, Wilhelm, Karl und Friedrich, streng reformiert erzogen und dem ältesten Sohn Wilhelm die Grafschaft Hanau-Münzenberg als eigenständiges Territorium zur Regentschaft übertragen werden soll. Um die Söhne dem katholischen Einfluss des Vaters zu entziehen, werden sie 1756 an den dänischen Königshof verbracht, wo der 13-jährige Wilhelm mit der 10-jährigen Prinzessin Karoline Wilhelmine, Tochter des dänischen Königs, als zukünftige Eheleute bestimmt werden. Als 1760 Landgraf Wilhelm VIII. stirbt, ist Hanau durch die Wirren des Siebenjährigen Krieges von Franzosen besetzt. Landgräfin Marie, Mutter Wilhelms und Tochter des englischen Königs Georg II., übernimmt 1762, nach dem Abzug der feindlichen Truppen, die Regierungsgeschäfte in Hanau. Entschlossen wehrt sich die Landgräfin gegen Angriffe ihres Gemahls, die Vormundschaft über seine Söhne zu erlangen und verhindert bis zu ihrem Tod jeden Versöhnungsversuch des Vaters.
Die Anfänge der Regierungszeit Wilhelms in Hanau gestalten sich schwierig. Seine Mutter steht unter dem Einfluss des Kammerherrn von Verschuer, der für Dissonanzen sorgt. Die Landgräfin, eine kluge und tatkräftige Frau, scheint von den Regierungsqualitäten ihres ältesten Sohnes – sie nennt ihn liebevoll “Bylly” – nicht überzeugt gewesen zu sein. “Wilhelms ausgeprägten Fürstenstolz, der sich schon früh in verschwenderischer Hofhaltung und arroganter Selbstgefälligkeit gegen Untergebene und Lehrer äußert, versucht die Landgräfin in ihren frühen Briefen nach Kräften in andere Bahnen zu lenken”. Erst als die Fürstin ab Sommer 1768 das benachbarte Schloss Rumpenheim zu ihrer Sommerresidenz wählt, gelingt es Wilhelm, die Zügel der Regierungsgeschäfte in Hanau fester in die Hand zu bekommen. Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn bleibt indes ungetrübt. Täglich reitet der Erbprinz von Philippsruhe nach Rumpenheim, um mit seiner Mutter den Tee einzunehmen.
Als die Landgräfin 1772 in Rumpenheim stirbt, hat Wilhelm endlich freie Hand. Sofort befasst er sich mit dem Ausbau des “Guten Brunnens”, der bereits 1709 “in der Wachenbucher Terminey” von zwei Kräuter suchenden Frauen entdeckt worden war. Franz Ludwig Cancrin, Hofbaumeister in Hanau, erhält den Auftrag, eine Planzeichnung für den Ausbau des Brunnens anzufertigen. Graf Philipp Reinhard von Hanau-Lichtenberg hatte die Quelle einst fassen lassen und einen hölzernen Wandelgang, sowie sechs “heimliche Gemächer” für die Brunnentrinker errichten lassen. Aber noch sind Wilhelms Staatskassen leer. Er scheint buchstäblich darauf zu brennen, endlich als Bauherr in Hanau tätig zu werden. Erst
durch den Abschluss der Subsidienverträge mit seinem Vetter, dem englischen König Georg III. aus dem Hause Hannover, gelingt ihm ein finanzieller Coup, der ihn in Folge zu einem der reichsten Fürsten Europas werden lässt. Er “vermietet”, wie schon sein Großvater vor ihm und wie damals allgemein üblich, seine Soldaten für teures Geld. Der englische König liegt im Streit mit seinen amerikanischen Kolonien. Sie streben nach Unabhängigkeit und Georg III. ist dankbar für die militärische Unterstützung seiner hessischen Verwandtschaft. Schließlich hatten anlässlich der Regierungsübernahme der Landgräfin Marie 1763, hannoveranische Truppen die Grafschaft Hanau besetzt. Man sieht sich verpflichtet, einander zu helfen.
Am 28. August 1777 beginnt Wilhelm mit dem Ausbau des “Guten Brunnens”, die sein Biograph, Philipp Losch, später als einen Glanzpunkt der einundzwanzig Regierungsjahre Wilhelms in Hanau bezeichnet. “Im Laufe des Monats September wurde ich von verschiedenen Personen ersucht, ein Haus an dem ‚Guten Brunnen’ zu errichten, einem Ort, der beim Publikum beliebt und seiner Mineralquellen halber bekannt war...” . Dafür stellt er 8000.- Gulden aus den englischen Subsidien zur Verfügung. Im Mai 1778 wird die erste Saison am „Guten Brunnen“ eröffnet, der seit 1779 den Namen seines Erbauers, Wilhelmsbad, trägt. Die Anlage besteht zunächst aus drei Pavillons mit einer eingeschossigen Arkade als Wandelgang für die Brunnentrinker. Dem zentralen Gebäude der Anlage, dem Badhaus gegenüber befindet sich der Brunnentempel, einem Oktogon mit ionischen Säulen. Bereits 1779-81 kommt es zur Erweiterung der Anlage und Wilhelm bezieht während der Badesaison Quartier im sog. Logierungsbau, dem späteren Fürstenbau. “Der Platzmangel im Bad veranlasste mich, den Arkadenbau zu erweitern, dort drei große Säle anzubauen und zwei Etagen aufzustocken.”
Um die Achsensymmetrie wieder herzustellen, wurden oberhalb des “Logierungsbaus” ein einstöckiger Marstall sowie ein 4. Pavillon als Abschluss errichtet. Ein zweiter Brunnentempel war vor dem Fürstenbau geplant, der die Symmetrie vervollkommnen sollte, jedoch nie gebaut wurde. Ein Plan von 1779 zeigt die komplette Anlage mit Comoedienhaus, Heckentheater und Burgruine auf einer Insel im künstlich aufgestauten Parkweiher. Insbesondere nach der Fertigstellung seiner als Ruinenschloss errichteten Burg - als privater Rückzugsort gedacht und unerreichbar für die den Park bevölkernden Kurgäste - zieht sich der Fürst, “wann immer es ihm seine Regierungsgeschäfte gestatten” nach Wilhelmsbad zurück, seinem Kleinod und Lieblingsaufenthaltsort. Er selbst kümmert sich um die neu angelegten Pflanzungen bei den Kurgebäuden, hält sich häufig auch im Winter dort auf, ist zum erstenmal, wie er in seinem Tagebuch berichtet, “glücklich”. Wir begreifen sein Glück, wenn wir bedenken, dass dem Fürsten – im Zentrum der Hanauer Hofgesellschaft stehend – keinerlei Privatheit zustand, er sich diese aber in seinem luxuriös eingerichteten Ruinenschlösschen gestattet, in dem schlicht kein Platz für die Hofgesellschaft vorgesehen war. Versüsst wurde ihm sein Aufenthalt in der Burg durch seine damalige Favoritin, Rosette Ritter, der später geadelten Frau von Lindenthal, die ihm insgesamt 6 Kinder gebar. “...die höfischen Pflichten hatten mich dergestalt ermüdet,...dass ich ...mich nach meiner Ruine in Wilhelmsbad sehnte, wo ich fern von allem Gepränge wahrhaft ein Leben genoss, wie es nur wenige Fürsten kennen...Ich schwelgte wahrhaft in dem Genuss des Wiedersehens mit der innig Geliebten. Welch eine Wohltat, endlich den Zwang abschütteln zu können, den ich mir hatte auferlegen müssen…“
Die Hanauer Hofgesellschaft ist empört über die Beziehung des Fürsten zu seiner bürgerlichen Mätresse. Die Hanauer Damen meiden das Bad, wenn sich “die Lindenthal” dort aufhält. Auch das Verhältnis zu seiner Gemahlin ist durch seine Affaire gestört. Erst 1784, kurz vor dem Tod des geliebten ältesten Sohnes Friedrich am 20. Juli 1784, kommt es zur Aussöhnung zwischen den Ehegatten.
Die Erbprinzessin toleriert die Liaison zur “Lindenthal” und erkennt seine “natürlichen Kinder” an.
Nach Einschätzung des Frankfurter Historikers Fried Lübbecke handelte es sich bei Wilhelm “um einen der schönsten Männer seiner Zeit, sprachgewandt und von bezaubernder Liebenswürdigkeit, hochgewachsen und ständig zu Pferde...Sauberkeit in der Verwaltung und Gerechtigkeit für jedermann waren ihm heilige Gebote, sein Fleiß unermüdlich, seine Arbeitskraft ungewöhnlich, sein Christentum unwandelbar und streng”.
Mit Wilhelmsbad hat er Hanau ein Kleinod geschenkt, das zu den bedeutendsten und besterhaltensten Kur- und Badeanlagen Deutschlands gehört. Der anlässlich der Landesgartenschau wunderschön restaurierte Park zählt heute mit seinen komplett erhaltenen Parkarchitekturen, dem Pferdekarussell, der Burgruine, der Pyramide, dem Schneckenberg und der Einsiedlergrotte zu einem der ersten Landschaftsgärten nach dem neuen englischen Stil auf dem Kontinent. Wilhelms Liebe zu Gärten und Ruinen sollte sich im Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel, der auch sein Ruinenschloss Löwenburg beherbergt, erneut erweisen.
Die kleine Residenzstadt Hanau erlebt jedenfalls während der einundzwanzigjährigen Regentschaft Hanaus eine wahrhaft “güldene Zeit”. Als der Erbprinz nach dem Tode seines Vaters Friedrich II als Landgraf Wilhelm IX. nach Kassel übersiedelte, schreibt Caroline die dänische Prinzessin, die einst aus einer der schönsten europäischen Hauptstädte in das bescheidene Hanau umgezogen war an ihren Gemahl, wie “sauer” ihr der Entschluss fiele, das “gute Hanau” zu verlassen, “wo ich einundzwanzig Jahre erlebte, die angenehmste Zeit meines Lebens.”
Quellen:
Fried Lübbecke, Hanau, Stadt und Grafschaft, 1951, S. 293
Werner Huber, Rainer Schöwerling, Maria, Landgräfin von Hessen (1723-1772), Eine englische Prinzessin am hessischen Fürstenhof und ihre Bibliothek, Sonderdruck aus: Corvey-Journal, Jg. 2, H.2, 1990, S. 6 Philipp Losch, Kurfürst Wilhelm !. Landgraf von Hessen. Ein Fürstenbild der Zopfzeit, Marburg 1923
Wir, Wilhelm von Gottes Gnaden, Frankfurt 1996
Lübbecke a.a.O. S. 292 Lübbecke. S. 290