Eine der schillerndsten Figuren im an solchen nicht armen Hanau des 18. Jahrhunderts ist zweifellos Franz Ludwig Cancrin. Der Universalist in Diensten des Erbprinzen prägte das Bild Hanaus in dessen „Güldenem Zeitalter”, wie man die Regentschaft Wilhelms bzw. seiner Mutter als Vormünderin gerne nennt. Von 1764 bis 1785 währte diese Zeit, in der Hanau zur Residenzstadt wurde und die Grafschaft ein eigenständiger Staat war. Noch heute zeugen Bauwerke und Teile der Stadtstruktur von jener Zeit, da der Erbprinz von Hanau aus mit am Rad der europäischen Geschichte drehte. Die Kuranlage in Wilhelmsbad, bis auf unsere Tage in ihrer ursprünglichen Struktur nahezu unverändert, ist das beeindruckendste Zeugnis des Aufschwungs Hanaus in der zweiten Jahrhunderthälfte. Die gesamte adelige Welt von damals hielt in Wilhelmsbad Hof. In der Ruine residierten die Mätressen des Erbprinzen und im Kanzleigebäude am Paradeplatz liefen alle Fäden zusammen – bei Franz Ludwig Cancrin.
Er war eine Art Universalgenie, das sich an der langen Leine des ansonsten eher kleinlichen und geizigen Erbprinzen auf den Gebieten der Architektur, der Gartenkunst, des Wasserbaus, der Bergwerks- und Salinenkunde, des Münzwesens und der Metallurgie tummelte. Er war studierter Jurist, aber auch Professor für Mathematik an der Hohen Landesschule, an der Militärakademie des Erbprinzen unterrichtete er in Geometrie. Ohne Cancrin lief in Hanau nichts, auch wenn sein Verhältnis zum Regenten mehr als zwiespältig war.
Geboren wurde Cancrin 1738 im oberhessischen Breidenbach, wo sein Vater, Johann Heinrich, Bergmeister in hessisch-darmstädtischen Diensten war. Drei Jahre nach der Geburt seines Sohnes wurde der Vater mit der Leitung der hanauischen Bergwerke in Bieber beauftragt, wo Kupfer und Silber abgebaut wurde. Es war dies neben der Saline in Nauheim die wichtigste Rohstoffquelle der Grafschaft Hanau.
Franz Ludwig, in seiner Kindheit eher kränkelnd, werden gute schulische Leistungen bescheinigt. Zudem unterrichtete ihn sein Vater in Mathematik, Naturwissenschaften und Bergwesen. Dies brachte ihn schon als Jugendlichen in die Position eines Prinzenerziehers: Er führte die Söhne des Erbprinzen in der Bergwerkskunde ein. Der Erbprinz war schnell auf den jungen Mann aufmerksam geworden, der nach dem Studium der Rechte in Jena noch Mathematik draufsattelte. 1764 trat er offiziell in die Dienste des Erbprinzen. Er wurde Sekretär der Rentkammer und 1767 zum Assessor befördert.
Nachdem der Erbprinz die Festungswälle zwischen der Alt- und der Neustadt hatte schleifen lassen, war zwischen den beiden Städten ein großer Platz entstanden, der heutige Freiheitsplatz. Diese Fläche zu gestalten, war nicht nur Wunsch und Notwendigkeit im frühen 21. Jahrhundert, auch der Erbprinz hatte große Pläne mit seiner Residenzstadt. Erstes Bauwerk der geplanten „Residenzstadtarchitektur” war das Stadttheater, das von der Bangertstraße her in den Platz hineinragte.
Franz Ludwig Cancrin war kein „studierter” Baumeister oder Architekt, dafür war in Hanau Jakob Friedrich Heerwagen zuständig. Doch nicht dieser, sondern Cancrin zeichnete als Architekt für das Theater verantwortlich. Ebenso für den Kanzleibau an der Ostseite, der die fürstliche Verwaltung aufnahm.Im Nordosten wurde das Zeughaus errichtet. Zugleich löste der Erbprinz mit seinen Plänen für ein Kurbad in Wilhelmsbad einen lokalen Bauboom aus. Rund um den „Guten Brunnen”, an dessen Heilkraft man seit dem frühen 18. Jahrhundert glaubte, wurde der Erbprinz zu einem „Bäderunternehmer”, der erhebliche Mittel an dem Modebad Wilhelmsbad verdiente. Die Investitionsmittel hatte er zuvor durch den Verleih seiner Soldaten an seinen Vetter, den englischen König, für den Einsatz gegen die amerikanischen Aufständischen unter George Washington erworben. Das Bieberer Silber warf zusätzlich Einnahmen ab.
Ein armer Mann war der Erbprinz also beileibe nicht. Er konnte es sich leisten, Franz Ludwig Cancrin gewähren zu lassen, ließen sich dessen Unternehmungen doch zunächst auch sehr positiv an.
Das Stadttheater war mit einer für damalige Verhältnisse sehr modernen Bühnenmechanik ausgestattet, die, wie überliefert ist, sehr lange ihren Dienst tat. Das Kanzleigebäude war so solide gebaut, dass es noch heute steht, nachdem es zwischenzeitlich als Infanteriekaserne gedient hatte und im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurde. Und auch die Gebäude in Wilhelmsbad haben die Zeiten scheinbar unverändert überdauert, obwohl sie nicht für die Ewigkeit errichtet wurden. Vielmehr wurde auf Fachwerkbasis und ohne rechte Fundamente eine Scheinarchitektur errichtet, welche für ein paar Jahre die Kulisse für das mondäne Badeleben hergeben sollte.
Aber Architekt war Cancrin nun einmal mitnichten. Nicht dass er ungebildet gewesen wäre. Schon 1763 trat er eine zweijährige Bildungsreise an, deren Ergebnisse ein mehrbändiges und in mehreren Auflagen gedrucktes Buch mit Beschreibungen von Bergwerken und anderen technischen Einrichtungen war. 1773 verfasste er sein Werk „Erste Gründe der Berg- und Salzwerkskunde”.
1768, nach dem erfolgreichen Abschluss der Bauarbeiten am Theater, hatte ihm der Erbprinz auch noch die Leitung der Bieberer Bergwerke in Nachfolge seines Vaters übertragen. Inzwischen zum Kammerrat avanciert, erhielt er zusätzlich die Aufsicht über das gesamte Zivilbauwesen der Grafschaft.
Cancrins größtes und mit viel Ehrgeiz betriebenes Projekt indes war Wilhelmsbad. Das Lieblingsprojekt des Erbprinzen schrieb er sich ganz alleine zu, wenngleich Wilhelm sich stets mit seinen eigenen Plänen gegen Cancrin durchsetzte. Ende 1779 notiert der Erbprinz in seinen Erinnerungen über den Fortgang der Bauarbeiten in Wilhelmsbad: „ ...aber mein angeborener Tatendrang und die Freude, zum ersten Mal schöpferisch zu wirken, hatten mich übermannt. Der Kammerrat Cancrin war mein Architekt, der Mensch war von sich dermaßen eingenommen, dass er auf niemanden hörte und gar die Bauleitung für sich beanspruchte. Ich suchte gleichwohl von seinem Talent zu profitieren, ohne ihm indes zu viel Spielraum zu gewähren.”
Cancrins mehrfach überlieferter Wahlspruch „Ich kenn' nur Rechtschaffenheit, Mühe und Arbeit, meinen Gott und meine Pflichten” hört sich da anders an. Später hat er mehrfach die Urheberschaft sämtlicher Gestaltungsideen für das Wilhelmsbad für sich reklamiert. 1781 protokollierte er beispielsweise die verschiedenen Arbeiten im Kurpark „ … den ich ganz nach meinen Einsichten angelegt habe.” Der Erbprinz wird das nicht so gesehen haben. Dennoch: Im gleichen Jahr steigt Cancrin zum Oberkammerrat auf, wird Regierungsrat mit weitgehender Vollmacht. Doch da zogen sich schon dunkle Wolken über ihm zusammen.
Wie wir wissen, war der Erbprinz in Geldangelegenheiten ebenso pingelig wie bisweilen nachlässig. Kein Wunder, dass es deshalb mehrfach mit seinen Räten zum Streit kam. Höhepunkt war die Affäre Gall, in die sich Cancrin unvermittelt verstrickt sah. Hofmarschall von Gall hatte für den Erbprinzen die Abwicklung der Subsidienverträge übernommen, nach denen hanauische Regimenter für den englischen König in Nordamerika eingesetzt wurden. Für jeden Gulden aus diesen Subsidien sollte Gall als Salär einen Kreuzer bekommen. Bei der Abrechnung nach von Galls Entlassung 1780 aus amerikanischer Gefangenschaft gab es Ärger aufgrund von Unstimmigkeiten in der Kasse in Höhe von einigen Tausend Gulden. Eine nicht unerhebliche Summe in jenen Tagen! Der Erbprinz ließ von Gall festsetzen, ihm sollte der Prozess gemacht werden. Wilhelm entledigte sich dabei Cancrin ganz en passant. Ihm warf er ebenfalls vor, unrechtmäßig Gelder aus der fürstlichen Kasse genommen zu haben. Darüber hinaus habe er sich der Untreue gegenüber seinem Landesherrn schuldig gemacht, indem er mit Gall und anderen ohne hochfürstliche Erlaubnis eine Finanzbeteiligung an einer Saline im ansbachischen Gerabrunn eingegangen sei.
" Das Gewitter entlud sich nun!” notiert der Erbprinz in sein Tagebuch. Um der Sache noch eines draufzusetzen, ließ er die Akten und die Klageschrift von der juristischen Fakultät in Göttingen begutachten. „Der Schlag, den Hanau nicht vermutet hatte, traf Galls Anhänger wie der Blitz,” lesen wir in Wilhelms Tagebuch. Mit acht Jahren Gefängnis sollte von Gall aufgrund des Gutachtens der Göttinger Juristen büßen. Zugleich aber hatten die Herren Professoren auch Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Untersuchungen gegen von Gall geltend gemacht. Die Anklage gegen Cancrin muss auch unter diesem Aspekt gesehen werden, er sollte mit anderthalb Jahren davonkommen, abzubüßen zusammen mit von Gall in Babenhausen.
Den Vorwurf der Untreue gegenüber seinem Landesherrn wegen der Beteiligung an der Saline in Gerabrunn wollte Cancrin aber nicht auf sich sitzen lassen. Er schrieb selbstbewußt an den Erbprinzen, dass es wohl „allen Unterthanen in Teutschland erlaubt sey, zum Besten ihrer Familien sowohl Contracte überhaupt zu schließen, als sich dadurch auch in auswärtige Salz- und Bergwerke ein-zulassen.” Ohne diese Freiheit, so Cancrin weiter, werde „auch zwischen den Reichsständen und ihren Unterthanen keine wechselseitige Freundschaft und gutes Vernehmen stattfinden können.” Cancrin kam schließlich mit einem halben Jahr Haft in Babenhausen, eher einem Hausarrest vergleichbar, davon; den Dienst in Hanau quittierte er natürlich umgehend.
Seinem Ruf als Baumeister und Bergwerkdirektor indes hat die Affäre offenbar nicht geschadet; lange brauchte er nicht auf eine neue Anstellung zu warten. Nach einem Intermezzo beim Markgrafen von Ansbach rief ihn die Zarin Katharina II. als Leiter der Saline Szaraja Russa bei St. Petersburg nach Rußland. Das Zarenreich, regiert von einer gebürtigen Prinzessin von Anhalt-Zerbst, rekrutierte damals sehr viele qualifizierte Kräfte in Westeuropa. Cancrins Vorgänger an der Saline war der in Bieber geborene Generalleutnant Feodor von Bauer.
Cancrin wurde das fürstliche Gehalt von 2000 Rubel im Jahr bewilligt; im Februar 1784 traf er mit Frau und zwei Töchtern in St. Petersburg ein, die übrigen Kinder blieben zunächst in Deutschland, darunter auch Sohn Georg Ludwig. Rasch stieg Cancrin, dem es an Selbstbewußtsein sicher nicht mangelte, in der Verwaltung des Zarenreiches ebenso nach oben wie in der Gunst der Zarin. Neben seiner Tätigkeit als Salinendirektor und Etatsrat blieb ihm offenbar ausreichend Zeit für eine umfangreiche publizistische Tätigkeit. Mehrfach wurde er unter Beibehaltung seiner Bezüge beurlaubt, dann reiste er meist nach Gießen, um zu schreiben. Seine Schriftstellerei brachte u.a. eine „Grundlehre der bürgerlichen Baukunst” hervor, die 1793 erschien, bereits 1787 veröffentlichte er seine „Geschichte und systematische Beschreibung der in der Grafschaft Hanau-Münzenberg in dem Amte Bieber und anderen Ämtern dieser Grafschaft gelegenen Bergwerke”.
Nicht ohne Seitenblick auf den mittlerweile in Kassel als Landgraf Wilhelm IX. regierenden Erbprinzen schrieb er ins Vorwort: „So mag es denn hiermit geschehen, daß diese Beschreibung der hanaumünzenbergischen Bergwerke im Druck erscheint. Auf Dank rechne ich nicht, und den Undank, der in jedem Menschenleben mit der Zeit fortläuft, übersehe ich. Das aber weiß ich: daß ich der Grafschaft Hanau-Münzenberg und ihrer Nachwelt mit dieser Arbeit einen ganz wichtigen Dienst leiste.”
Cancrin quittierte, hochgeehrt und in den Adelsstand erhoben, 1812 den Dienst beim Zaren. Als Mitglied mehrerer Akademien brachte er es noch zu hohen akademischen Ehren. Nach ihm wurde sogar ein Mineral aus dem Ural benannt, der Cancrinit. Am 29. März 1816 starb er, schon fast vergessen.
Doch noch einmal sollte der Name Cancrin für Aufsehen sorgen: Georg Ludwig Cancrin, sein 1774 in Hanau geborener Sohn, der als Jegor Franzewitsch Kankrin ebenfalls in russischen Diensten stand, brachte es bis zum Finanzminister und fand als derjenige, welcher die zerrütteten Finanzen des Zarenreiches neu ordnete, Eingang in die Geschichtsbücher. 1843 besuchte er, inzwischen vom Zaren in den Grafenstand erhoben, seine Geburtsstadt Hanau. Er stieg im „Riesen” am Heumarkt ab. 1845 starb er in Pawlowsk.
Ein Ahnherr Cancrins, Pfarrer von Jesberg, hatte den angestammten Namen „Krebs“ nach Humanistenart in Cancrinus (Cancrin) latinisiert. Den Krebs finden wir auch im Familienwappen. Zur Würdigung seiner Verdienste benannten sein Geburtsort Breidenbach und seine Wirkungsstätten Bieber und Sailauf jeweils eine Straße nach ihm. In Hanau trägt seit September 2003 der Weg zum Golfplatz seinen Namen.