Dipl. Ing. Christiane Colhoun
Die Geschichte
der Sanierung ( Teil 2)
Wir mussten unsere
erste Einschätzung, die besagte, dass das Versagen des Tragwerks auch auf
konstruktive Mängel zurückzuführen sei,
also revidieren und wissen jetzt, dass der größte Teil der Schäden, die
heute am Karussell festzustellen sind, sich nach 1934 infolge des
Bombenschadens, nachfolgend mangelndem Bauunterhalt und ungeeigneter
Reparaturen eingestellt hat. Das Dachwerk ist heute stark eingesunken und der
Gebälkring infolge des Bombentreffers nicht mehr rund. Das ursprünglich
runde Gebälk über den Säulen ist heute in Nord-Südrichtung 40 cm breiter als in
Ost-Westrichtung. Nach oben nehmen die Verformungen sogar noch zu. Der
Innenboden ist an manchen Stellen 30 cm unter das Niveau des Außenbodens
abgesunken. Dies entspricht auch dem Maß der Absenkung im Dach.
Geplanter
Reparatur-Prozess:
Tragwerk:
Um die blockierte
Drehmechanik im Untergeschoss wieder frei drehen zu können ist es notwendig,
das aufliegende Dachwerk anzuheben und den runden Lauf der Drehmechanik wieder
zu ermöglichen.
Dies soll
folgendermaßen geschehen:
Zunächst werden schützenswerte
Ausstattungselemente für den späteren Wiedereinbau ausgebaut oder im Bauwerk
eingehüllt. Die Vergitterung wird ausgebaut. Die Stuckflächen im Inneren, die
aus dem letzten Jahrhundert stammen, werden ausgebaut.
Das Mauerwerk des
Untergeschosses wird saniert, die Fensteröffnungen und das teilweise
eingestürzte Zugangsgewölbe werden wieder hergestellt. Der Sandstein-Stufenring
muss repariert und teilweise neu aufgebaut werden.
Dann werden Stützen,
die jeweils mit Hebezeugen kombiniert sind, zwischen den Außensäulen, unter den
Innensäulen und unter dem zentralen Kaiserstiel in der Mitte des Karussells
eingebaut.
An den Fußpunkten
der Stuhlsäulen im Dach werden nun Holzknaggen angeschraubt. An diesen Knaggen
werden stählerne Zugstangen befestigt, mittels derer die Binder untereinander
verspannt und für den folgenden Hebeprozess $$gesichert werden. Dann werden die
langen Zangenhölzer an den Knotenpunkten und andere Verbindungsmittel gelöst,
um dem Dachwerk Bewegungen und damit die Rückverformung erst zu ermöglichen.
Nun wird das
Dachwerk mittels der Drehspindeln unter den Innensäulen zunächst insgesamt so
weit angehoben, dass das äußere stark zerstörte Gebälk und die zwölf
Außensäulen ausgebaut werden können. Die Außensäulen werden in die Werkstatt gebracht,
repariert und danach wieder eingebaut. Das äußere Gebälk
wird durch einen T-förmigen Ring aus Holz-Leimbindern ersetzt, der vor Ort aus
Einzelteilen zusammengefügt wird. Der obere Teil des Leimbinders soll aus dem
dauerhafteren Lärchenholz gefertigt werden.
Nun wird das
Dachwerk behutsam und langsam weiter angehoben, bis die Absinkung an den
Innensäulen, also die Stufe zwischen Außen- und Innenboden ausgeglichen ist.
Dazu müssen die verschiedenen Binder, die alle unterschiedliche Schadensbilder zeigen,
individuell verschieden behandelt werden. Der gesamte Hebeprozess wird durch
Messungen begleitet, die es erlauben, die Bewegungen der Konstruktion in der
Vertikalen und der Horizontalen zu steuern.
Nun kann das
Stahltragwerk mit Kranunterstützung eingebracht und auf den neuen Ringbalken
aufgelegt werden. Dazu wird zeitweise das Dach der Einhausung geöffnet. Der
stählerne Druckring und die Stahlbinderbögen werden segmentweise eingehoben und
vor Ort zum räumlichen Tragwerk zusammengesetzt und verbunden. Die Verbindungen
werden als Stecksystem mit Verschraubungen vorgesehen, sodass vor Ort keinerlei
Schweißarbeiten durchgeführt werden müssen. An das stählerne
Tragwerk wird nun mittels Stabstahl-Abspannungen das gesamte hölzerne Dachwerk
und der anhängende Innenboden abgehängt.
Notwendige
Reparaturen an den Bestandshölzern des Daches können ab diesem Zeitpunkt von
oben vorgenommen werden. Die Konstruktionshölzer des Daches werden repariert,
wo dies für die verbleibende Funktion nötig ist. Funktionslos gewordene stark
zerstörte Hölzer werden mit Zellulosefestiger behandelt und können so erhalten
werden.
Der abgehängte
Innenboden soll zimmertechnisch repariert und zurückgeformt werden. Der
Innenboden wird durch eingelegte Stahlprofile eben stabilisiert und durch
verstärkte Anhängungen an den Innensäulen für die neue Belastung gesichert.
Drehmechanik:
Diese Konzeption
erlaubt, die beweglichen Teile des Karussells im Sinne der ursprünglichen
Konzeption und unter Nutzung der jüngeren gusseisernen Einbauten für einen
Antrieb mittels Elektromotor weitestgehend wieder zu nutzen. Drehschirm,
Drehreif und Welle, die seit dem 19. Jahrhundert im Untergeschoss auf
gusseisernen Rollen geführt sind, werden sich nach ihrer Reparatur auch wieder
frei drehen können. Die Rollenlagerung soll beibehalten werden. Fehlende
Rollenlager sollen nachgegossen, der abgeschlagene Reifen der Antriebswelle
wieder hergestellt und ergänzt werden.
Oberflächen und
Ausstattung:
Nach dieser
Ertüchtigung der Grundkonstruktionen kann nun die Wiederherstellung der
Oberflächen erfolgen. Die Dachschalung
wird auf der stählernen Unterkonstruktion wieder hergestellt und verschiefert
werden. Die restaurierte Vase aus Kupferblech wird wieder aufgesetzt. Die
Gewölbe müssen in ihrer neuen Form wieder mit Stuckmörtel ausgekleidet und
gefasst, das heißt angestrichen werden. Hölzerne Verkleidungen und der
Bodenbelag des Innenbodens müssen ergänzt und gefasst werden. Dabei kann die
teilweise farbige Farbfassung der Säulen mit taubenblauem Untergrund, Blumendekor,
Borten und Troddeln wiederhergestellt werden, die mit der zweiten Ausstattung
des Karussells 1896 hergestellt wurde. Diese Fassung ist vom Restaurator unter
der weißen Übermalung teilweise freigelegt worden.
Schutz vor
Vandalismus:
Bevor die wertvolle
Ausstattung wieder eingebaut wird, muss für den nötigen Schutz gesorgt werden.
Derzeit wird geklärt, ob die jetzige Vergitterung in Zukunft durch eine runde
Sicherheits-Verglasung ersetzt werden kann, die mehr Schutz und Durchblick
erlauben würde.
Schließlich kann die
Einhausung abgebaut werden. Die umgebende Geländefläche wird wieder
hergerichtet und kann dann winters wieder als Schlittenberg herhalten.
Jetzt endlich dürfen
auch die restaurierten Pferde und Wagen wieder in ihr erneuertes Domizil
einziehen und mit Hilfe des Elektromotors im Kreisrund auch wieder ihre Bahnen
ziehen.