Dipl. Ing. Christiane Colhoun
Die Geschichte
der Sanierung ( Teil 1)
Wir,
(Architekturbüro Bingenheimer Hädler und Schmilinsky-heute: Studio Baukultur),
kennen das Karussell nun schon seit 1991. Unser Büro war damals mit der
Untersuchung des offensichtlich schadhaften Zustandes des Bauwerks und der
Klärung der Frage beauftragt, warum sich die Drehmechanik nicht mehr bewegen
lässt.
Wir konnten
erkennen, dass das Karussell ursprünglich außerordentlich qualitätvoll und
aufwändig, sogar kostbar ausgeführt worden war. Die Konstruktionsidee mit dem abgehängten
Innenboden war einmalig und in der Entstehungszeit eine technische Innovation
ohne Beispiel.
In einem Brief,
der im Staatsarchiv Marburg erhalten ist, beschrieb der Konstrukteur Franz
Ludwig Cancrin während der Bauzeit im Mai 1780 an Wilhelm, Erbprinz von
Hessen-Kassel und Graf von Hanau, die Neuigkeit dieser Idee [1]:
„Unterthänigster
Bericht.
Das bedekte
Caroussel wird so eingerichtet, daß Pferde und Phätons auf einer Scheibe bewegt
werden. (Anmerk. d.
V.: Dies war die ursprüngliche Konstruktionsidee)
Es stehet aber
auch so einzurichten, daß sich allein Pferde und Wagen bewegen, und am lezteren
die Räder umdrehen. Durch die leztere Einrichtung werden folgende Vorteile erhalten.
1. Das
Umdrehen einer Scheibe macht etwas schwindelich, bei gedachter anderer Einrichtung
aber fält solches meist weg.
2. Die
Maschine ist leichter, und mit wenigern Menschen zu bewegen; und dann
3. gewinnet
das Umfahren ein besseres Ansehen; ja
4. es wird
vielleicht etwas dabei an den Kosten erspahret.
Allein es sind
bei dieser Sache auch einige Anstände, und komt es dabei darauf an: ob
1. Ihro
Hochfürstl. Durchlaucht wegen der schleunigen Verfertigung dieses Baues einige
Nachsicht haben, und dann
2. nicht in
Ungnade bemerken wollen, wenn etwa der Maschine noch nach geholfen werden muß,
wenn solche nicht so gleich so genau umläuft, das eine Sache ist, die fast bei
allen neuen Erfindungen vorkomt.
Wolten also
Ihro Hochfürstl. Durchlaucht gnädigst geruhen, mir beide Punkten zu accordiren:
So will ich suchen, eine Einrichtung in Wirklichkeit zu bringen.“
Das Schreiben
Cancrins ist mit folgender Anweisung Wilhelms vom nächsten Tag versehen:
„Wird
approbirt und scheint diese neue Erfindung dem Carroussel einen neuen und nie
bekannten Vorzug zu ertheilen.
Hanau d 13ten
May 1780 Wilhelm EPzH“
Aus den
erhaltenen Bauakten wurde aber auch deutlich, dass die Erfahrungen beim Bau
dieser neuen Konstruktion zahlreiche Änderungen und Ergänzungen notwendig
machten. Der in den Akten belegte verzweifelte Streit des beauftragten Zimmermanns
um den Lohn für seine Mehrleistungen, der sich durch den abgeänderten „ersten
Riß und Holzüberschlag“ fast auf das Vierfache der ursprünglichen Auftragssumme
belief [2] ,
zeugt von der Dynamik der Planung während der Bauzeit.
Dass bereits
während der Bauzeit Schwierigkeiten mit der neuartigen Konstruktion aufgetreten
waren, war auch am Bauwerk ablesbar. Die starken Durchbiegungen, die wir heute
im Dach finden, waren nicht geplant. Cancrin kannte die Gefahr der Durchbiegung
aus Erfahrung und schrieb zu diesem Thema in seinem Lehrbuch [3] , dass
„sich die Hängewerke gerne setzen, besonders dann, wenn solche eine schwere
Last zu tragen haben“. Cancrin begegnete dieser Gefahr durch den seinerzeit
ungewöhnlich starken Einsatz des teuren Schmiedeeisens in der Konstruktion.
Cancrin warnte
seinen Landesherrn am 17. September 1780 vor zu hohen Lasten für das Bauwerk:
„P.S. Auf den innern Boden des Caroussels
dürfen höchstens nur 50 Personen gelassen werden, wenn der Tempel keiner Gefahr
ausgesezt werden soll.“ [4]
Wir konnten am
Schadensbild erkennen, dass die Setzungen des Dachwerks zum Absinken des
abgehängten Innenbodens geführt hatten. Als das geringe Spiel, das der
Konstrukteur zwischen den beweglichen und den unbeweglichen Teilen des
Karussells vorgesehen hatte, durch die Absenkung überschritten war, wurde die
Drehmechanik im Untergeschoss blockiert. Das Dach hat sich allmählich auf die
Drehmechanik aufgelegt, sonst wäre das Bauwerk eingestürzt. Diese Ursache des
Stillstandes wurde schon bei den ersten Untersuchungen deutlich. Am Bauwerk war
aber zunächst nicht erkennbar, wann die gewagte Konstruktion versagt hatte.
Im Vergleich der
vorgefundenen Konstruktion mit früheren Darstellungen [5]
konnten wir belegen, dass das Bauwerk bei zahlreichen Reparaturversuchen und
Umbauten teilweise stark verändert und verstümmelt worden ist. Der heutige
Zustand des Karussells ist geprägt von ungewöhnlich starken Schäden, über deren
Ursache wir später noch berichten werden.
Unser erster
Eindruck war daher, die Konstruktion des Dachwerks habe wegen konstruktiver
Mängel und fehlendem Bauunterhalt in der Vergangenheit trotz wiederholter
Reparaturversuche immer wieder in gleicher Weise versagt und einen dauerhaften
Betrieb nicht erlaubt.
Ein Ergebnis
unserer ersten Untersuchung war 1993 die Empfehlung, das Tragwerk nicht zu
reparieren, sondern nur zu konservieren. Wir waren zu der Einschätzung
gekommen, dass das Ausmaß der Schäden eine Instandsetzung im Sinne der alten
Tragwerksidee ausschloss, auch weil die Reparatureingriffe zuviel von der
ursprünglichen erhaltenen Substanz gekostet hätten. Für den notwendigen Ersatz
schadhafter Hölzer im Dach hätte man das Dachwerk weitgehend zerlegen,
großenteils ersetzen und neu zusammenbauen müssen. Unsere erste Empfehlung war
also, das bestehende Tragwerk nicht wieder bis zur Funktionstüchtigkeit der
Karussellmechanik zu ertüchtigen. Stattdessen wurde
eine Stützkonstruktion aus Stahl entwickelt, die im Untergeschoss eingebaut
werden sollte. Diese Stütze für das eingesunkene Bauwerk hätte es erlaubt, den
Drehreif mit den Kutschen und Pferden von der Drehmechanik abzulösen, separat
auf Rollen zu lagern und anzutreiben. Dabei wäre aber die Stufe, die in der
Vergangenheit infolge der Absinkung zwischen Außen- und Innenboden entstanden
war, erhalten geblieben, hätte den Betrieb erheblich erschwert und
Publikumsverkehr praktisch ausgeschlossen.
Mit diesem
resignierendem Ergebnis hat sich dann im Hinblick auf eine Sanierung mehrere
Jahre nichts mehr bewegt.
Bei zahlreichen
Gesprächen mit Hanauer Bürgern mussten wir in der Folgezeit aber erkennen, dass
ein stillstehendes Karussell schlichtweg nicht akzeptiert wird. Bei mehreren
Vorträgen habe ich in diesen Jahren zu vermitteln versucht, dass die
Konstruktion aus unserer Sicht nicht reparabel sei. Regelmäßig meldeten
sich dann aber Augen- oder Ohrenzeugen, die vom Betrieb des Karussells oder den
Erzählungen der Älteren berichteten, die noch auf dem Karussell gefahren seien.
Und so kam in den Diskussionen von Publikumsseite immer wieder die Frage auf:
„Und wann dreht sich’s wieder?“
1998 gründete
sich dann der „Förderverein für das Karussell im Staatspark Hanau-Wilhelmsbad“
mit dem Ziel, das Karussell zu restaurieren und wieder in Betrieb zu nehmen. Da diese Idee von
einem offensichtlich großen Publikumsinteresse getragen wurde, übernahm die
Verwaltung der staatlichen Schlösser und Gärten diese Zielsetzung im Jahr 2000
und formulierte einen neuen Auftrag an die Ingenieure, der frei formuliert
lautete: Wie bringt man das Karussell trotz seines schlechten Zustandes wieder
zum Laufen? Zur Verwirklichung dieser Aufgabe wurden weitere Untersuchungen
beauftragt:
Das
Tragwerksplanungsbüro Reuter und Mittnacht, Würzburg (heute Mittnacht,
beratende Ingenieure), legte 2001 eine Konzeption zu einer Hilfskonstruktion
vor, die weitere Verformungen der Konstruktion verhindern und dem Bestand als
Stütze dienen soll:
Die geplante
Hilfskonstruktion soll als ergänzende Stahlkonstruktion zwischen und neben die
Hölzer des Dachtragwerkes eingepasst werden, um den Bestand möglichst unverändert
beibehalten zu können. Bogenförmige Stahlprofile, die in ihrer Form etwa dem
äußeren Dachverlauf folgen, sollen jeweils zwischen den hölzernen Dachbindern
angebracht und an einem mittleren Druckring oben zusammengefasst werden. Als
unteres Auflager und Lastverteiler soll das stark geschädigte Gebälk (der
profilierte „Ringbalken“ über dem äußeren Säulenring) künftig durch einen
Leimbinder-Ringbalken ersetzt werden. Die gesamte Last aus der Dachhaut, dem
Dachtragwerk und dem abgehängten Innenboden kann dann über das stählerne
Tragwerk abgeleitet werden. Der Innenboden erhält zur Verstärkung zwischen den
waagerechten Tragbalken noch wenige Stahlprofile, die helfen sollen, den Boden
zu ebnen. Das konzipierte
Stahltragwerk ist von außen nicht sichtbar. Der Einbau der Hilfskonstruktion
erlaubt, den Bestand zu bewahren, der mit seinen alten Reparaturergänzungen
mittlerweile zu einem einmaligen historischen Dokument geworden ist.
Die
Wiederinbetriebnahme erfordert neben der Stabilisierung der Konstruktion aber
auch, die blockierte Drehmechanik wieder frei zu stellen. Dazu muss die
eingesunkene Dachkonstruktion mit dem daran hängenden Innenboden angehoben
werden. Dies ist nur möglich, wenn die Verformungen des Tragwerks teilweise
rückgängig gemacht werden.
Im Jahr 2007
wurde das Karussell eingehaust. Pferde und Kutschen wurden ausgebaut und in die
Werkstatt des Restaurators gebracht. Das Dachwerk des Karussells wurde zur
Vorbereitung der Untersuchungen und Instandsetzungsarbeiten freigelegt und
gereinigt.
Das auf
geodätische Vermessungsverfahren spezialisierte Architektenteam von Puttkamer
und Dudek [6] ,
Darmstadt erstellte auf der Grundlage tachymetrischer Messungen, kombiniert mit
einem Laserscanverfahren ein genaues Aufmaß des Karussells .
Wir versuchten,
auf dieser Grundlage eine zeichnerische Rekonstruktion der ursprünglichen
Geometrie des Tragwerkes zu erstellen. D$urch
vergleichende Darstellungen mit diesem hinterlegten Rekonstruktionsschema
konnte in den CAD-Aufmaßplänen eine Verformungsanalyse vorgenommen und das
Schadensgeschehen am Gesamtbauwerk im Zusammenhang dargestellt und beschrieben
werden. Mit Hilfe dieser
und weiterer Untersuchungen sollte das Maß der Rückformbarkeit der Konstruktion
ermittelt werden.
Die Besonderheit
der historischen Konstruktion und das vorliegende Instandsetzungskonzept wurden
vor Ort auch bei zwei Fachgesprächen diskutiert, an denen verschiedene Experten
teilnahmen, die teilweise bereits mit der Problematik der Rückverformung historischer
Holzkonstruktionen befasst waren. Neben den bereits
früher bekannten Plänen und Archivalien lagen nun auch einzelne neue
Bilddokumente vor.
Geschichte der
Reparaturen:
Weiter wurden uns
nun auch Transkriptionen von Bauakten des Staatsarchivs Marburg zur Verfügung
gestellt, die im Auftrag der VSG von Frau Andrea Huber M.A. aus Mühltal im Jahr
2008 durchgeführt wurden. In diesen Akten kann man nachvollziehen, dass das
Karussell nach der Fertigstellung im September 1780 wahrscheinlich 86 Jahre
lang in Betrieb war. Die Ausstattung bestand in dieser Zeit aus sechs Pferden
und zwei Wagen und einem hölzernem Antriebsmechanismus im Untergeschoss. Die
Absenkungen, die sich aus dem Zusammenhang zu hoher Lasten und konstruktionsbedingter
Schwächen in dieser Zeit ergeben haben, konnten anfangs durch Höherlegen des
Innenbodens ausgeglichen werden. Dazu wurden wahrscheinlich die inneren Säulen
sukzessive eingekürzt.
Die Akten
berichten weiter von Kriegsschäden: Zuerst wurde das Karussell 1866 durch
preußische Artillerie beschädigt. 1870/71 wurden das Karussell und seine
Einrichtung im Zusammenhang mit der Einrichtung eines französischen
Reservelazaretts in Wilhelmsbad weiter zerstört.
1872 sollte der
Karussellpavillon auf Abbruch versteigert werden. Die beschädigten Pferde
wurden zerstört. Es wird berichet, dass weitere Zerstörungen durch den
Einspruch der Hanauer Bevölkerung verhindert wurden und 1873 die Sanierung des
Karussellpavillons begonnen wurde.
1898 ging das
Karussell mit neuer Ausstattung von vier Wagen und sechzehn Pferden und einem
Antrieb durch Benzinmotor wieder in Betrieb. Im Untergeschoss wurden dazu ergänzend
die Lagerung des Drehreifs auf einer U-Profilschiene und gusseisernen Rädern
ebenso wie ein Zahnradkranz mit Vorgelegewelle eingebaut.
1934 wurden
umfangreiche und einschneidende Reparaturarbeiten am Dach vorgenommen.
1936 soll sich
das Karussell wieder gedreht haben.
Wahrscheinlich
durch den Bombentreffer bei einem Luftangriff im November 1944 wurde das
Karussell erneut schwer beschädigt. Unter anderem rissen die beiden eisernen
Ringanker im Dach.
[1] Hinsichtlich dieser und der
folgenden Schriftquellen beziehe ich mich auf die Archivalienrecherche und
Transkription von Andrea Huber M.A., Mühltal, im Staatsarchiv Marburg (StAM).-
StAM, 86/4245, Fol. 93-94.
[2] StAM, 86/4252, Fol. 122-123.
[3] Cancrin, Franz Ludwig von,
Grundlehren der Bürgerlichen Baukunst nach Theorie und Erfahrung vorgetragen,
Herausgeber: Carl Wilhelm Ettinger, Gotha, 1792
[4] StAM, 86/4245, Fol. 239, 239v.
[5] Görig, Werner: Aufnahme des
Karussells im Kurpark Wilhelmsbad und dessen konstruktive Wertung in
geschichtlicher und heutiger Zeit. In: Denkmalpflege und Heimatschutz. Bd. 28,
1926, S. 172 ff.
[6] Arbeitsgemeinschaft der
Diplom-Ingenieure H. v. Puttkamer, Darmstadt mit Dipl.-Ing. J. Dudek, Mühltal
[7] „Nach einem Hinweis aus dem Artikel
von K. Dielmann zu Cancrins Abschlußbericht (Hessische Geschichtsblätter 24,
1973; dort Fußnote Seite 310 Nr. 14) vermutlich Hanauer Anzeiger vom
17. November 1934,
Zitat aus
dieser Fußnote: "Die daselbst reproduzierte Tuschezeichnung des
Hanau/Kilianstädter Malers Adam Bastian, welche die Zimmerleute bei der Arbeit
zeigt, wurde von dem Künstler dem an der Restaurierung beteiligten Zimmerpolier
Heinrich Wagner aus Heldenbergen dediziert. Durch Vermittlung von Baron Fritz
von Leonardi ... wurde sie ... 1973 von dem 84jährigen Herrn Wagner für
die Sammlungen des Historischen Museums Hanau gestiftet. ", heute Hanauer Stadtarchiv“ Quelle:
Ernst-Thomas Pürschel, Hanau