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Skizze der Bauphase von 1934, die dem Hanauer Maler Adam Bastian zugeschrieben wird ( [7] )




Dipl. Ing. Christiane Colhoun

Die Geschichte der Sanierung ( Teil 1)

Wir, (Architekturbüro Bingenheimer Hädler und Schmilinsky-heute: Studio Baukultur), kennen das Karussell nun schon seit 1991. Unser Büro war damals mit der Untersuchung des offensichtlich schadhaften Zustandes des Bauwerks und der Klärung der Frage beauftragt, warum sich die Drehmechanik nicht mehr bewegen lässt.

Wir konnten erkennen, dass das Karussell ursprünglich außerordentlich qualitätvoll und aufwändig, sogar kostbar ausgeführt worden war. Die Konstruktionsidee mit dem abgehängten Innenboden war einmalig und in der Entstehungszeit eine technische Innovation ohne Beispiel.

In einem Brief, der im Staatsarchiv Marburg erhalten ist, beschrieb der Konstrukteur Franz Ludwig Cancrin während der Bauzeit im Mai 1780 an Wilhelm, Erbprinz von Hessen-Kassel und Graf von Hanau, die Neuigkeit dieser Idee [1]:

„Unterthänigster Bericht.

Das bedekte Caroussel wird so eingerichtet, daß Pferde und Phätons auf einer Scheibe bewegt werden. (Anmerk. d. V.: Dies war die ursprüngliche Konstruktionsidee)

Es stehet aber auch so einzurichten, daß sich allein Pferde und Wagen bewegen, und am lezteren die Räder umdrehen. Durch die leztere Einrichtung werden folgende Vorteile erhalten.

1. Das Umdrehen einer Scheibe macht etwas schwindelich, bei gedachter anderer Einrichtung aber fält solches meist weg.

2. Die Maschine ist leichter, und mit wenigern Menschen zu bewegen; und dann

3. gewinnet das Umfahren ein besseres Ansehen; ja

4. es wird vielleicht etwas dabei an den Kosten erspahret.

Allein es sind bei dieser Sache auch einige Anstände, und komt es dabei darauf an: ob

1. Ihro Hochfürstl. Durchlaucht wegen der schleunigen Verfertigung dieses Baues einige Nachsicht haben, und dann

2. nicht in Ungnade bemerken wollen, wenn etwa der Maschine noch nach geholfen werden muß, wenn solche nicht so gleich so genau umläuft, das eine Sache ist, die fast bei allen neuen Erfindungen vorkomt.

Wolten also Ihro Hochfürstl. Durchlaucht gnädigst geruhen, mir beide Punkten zu accordiren: So will ich suchen, eine Einrichtung in Wirklichkeit zu bringen.“

Das Schreiben Cancrins ist mit folgender Anweisung Wilhelms vom nächsten Tag versehen:

„Wird approbirt und scheint diese neue Erfindung dem Carroussel einen neuen und nie bekannten Vorzug zu ertheilen.

Hanau d 13ten May 1780 Wilhelm EPzH“

Aus den erhaltenen Bauakten wurde aber auch deutlich, dass die Erfahrungen beim Bau dieser neuen Konstruktion zahlreiche Änderungen und Ergänzungen notwendig machten. Der in den Akten belegte verzweifelte Streit des beauftragten Zimmermanns um den Lohn für seine Mehrleistungen, der sich durch den abgeänderten „ersten Riß und Holzüberschlag“ fast auf das Vierfache der ursprünglichen Auftragssumme belief [2] , zeugt von der Dynamik der Planung während der Bauzeit.

Dass bereits während der Bauzeit Schwierigkeiten mit der neuartigen Konstruktion aufgetreten waren, war auch am Bauwerk ablesbar. Die starken Durchbiegungen, die wir heute im Dach finden, waren nicht geplant. Cancrin kannte die Gefahr der Durchbiegung aus Erfahrung und schrieb zu diesem Thema in seinem Lehrbuch [3] , dass „sich die Hängewerke gerne setzen, besonders dann, wenn solche eine schwere Last zu tragen haben“. Cancrin begegnete dieser Gefahr durch den seinerzeit ungewöhnlich starken Einsatz des teuren Schmiedeeisens in der Konstruktion.

Cancrin warnte seinen Landesherrn am 17. September 1780 vor zu hohen Lasten für das Bauwerk:

„P.S. Auf den innern Boden des Caroussels dürfen höchstens nur 50 Personen gelassen werden, wenn der Tempel keiner Gefahr ausgesezt werden soll.“ [4]

Wir konnten am Schadensbild erkennen, dass die Setzungen des Dachwerks zum Absinken des abgehängten Innenbodens geführt hatten. Als das geringe Spiel, das der Konstrukteur zwischen den beweglichen und den unbeweglichen Teilen des Karussells vorgesehen hatte, durch die Absenkung überschritten war, wurde die Drehmechanik im Untergeschoss blockiert. Das Dach hat sich allmählich auf die Drehmechanik aufgelegt, sonst wäre das Bauwerk eingestürzt. Diese Ursache des Stillstandes wurde schon bei den ersten Untersuchungen deutlich. Am Bauwerk war aber zunächst nicht erkennbar, wann die gewagte Konstruktion versagt hatte.

Im Vergleich der vorgefundenen Konstruktion mit früheren Darstellungen [5] konnten wir belegen, dass das Bauwerk bei zahlreichen Reparaturversuchen und Umbauten teilweise stark verändert und verstümmelt worden ist. Der heutige Zustand des Karussells ist geprägt von ungewöhnlich starken Schäden, über deren Ursache wir später noch berichten werden.

Unser erster Eindruck war daher, die Konstruktion des Dachwerks habe wegen konstruktiver Mängel und fehlendem Bauunterhalt in der Vergangenheit trotz wiederholter Reparaturversuche immer wieder in gleicher Weise versagt und einen dauerhaften Betrieb nicht erlaubt.

Ein Ergebnis unserer ersten Untersuchung war 1993 die Empfehlung, das Tragwerk nicht zu reparieren, sondern nur zu konservieren. Wir waren zu der Einschätzung gekommen, dass das Ausmaß der Schäden eine Instandsetzung im Sinne der alten Tragwerksidee ausschloss, auch weil die Reparatureingriffe zuviel von der ursprünglichen erhaltenen Substanz gekostet hätten. Für den notwendigen Ersatz schadhafter Hölzer im Dach hätte man das Dachwerk weitgehend zerlegen, großenteils ersetzen und neu zusammenbauen müssen. Unsere erste Empfehlung war also, das bestehende Tragwerk nicht wieder bis zur Funktionstüchtigkeit der Karussellmechanik zu ertüchtigen. Stattdessen wurde eine Stützkonstruktion aus Stahl entwickelt, die im Untergeschoss eingebaut werden sollte. Diese Stütze für das eingesunkene Bauwerk hätte es erlaubt, den Drehreif mit den Kutschen und Pferden von der Drehmechanik abzulösen, separat auf Rollen zu lagern und anzutreiben. Dabei wäre aber die Stufe, die in der Vergangenheit infolge der Absinkung zwischen Außen- und Innenboden entstanden war, erhalten geblieben, hätte den Betrieb erheblich erschwert und Publikumsverkehr praktisch ausgeschlossen.

Mit diesem resignierendem Ergebnis hat sich dann im Hinblick auf eine Sanierung mehrere Jahre  nichts mehr bewegt. 

Bei zahlreichen Gesprächen mit Hanauer Bürgern mussten wir in der Folgezeit aber erkennen, dass ein stillstehendes Karussell schlichtweg nicht akzeptiert wird. Bei mehreren Vorträgen habe ich in diesen Jahren zu vermitteln versucht, dass die Konstruktion aus unserer Sicht nicht reparabel sei. Regelmäßig meldeten sich dann aber Augen- oder Ohrenzeugen, die vom Betrieb des Karussells oder den Erzählungen der Älteren berichteten, die noch auf dem Karussell gefahren seien. Und so kam in den Diskussionen von Publikumsseite immer wieder die Frage auf: „Und wann dreht sich’s wieder?“

1998 gründete sich dann der „Förderverein für das Karussell im Staatspark Hanau-Wilhelmsbad“ mit dem Ziel, das Karussell zu restaurieren und wieder in Betrieb zu nehmen. Da diese Idee von einem offensichtlich großen Publikumsinteresse getragen wurde, übernahm die Verwaltung der staatlichen Schlösser und Gärten diese Zielsetzung im Jahr 2000 und formulierte einen neuen Auftrag an die Ingenieure, der frei formuliert lautete: Wie bringt man das Karussell trotz seines schlechten Zustandes wieder zum Laufen? Zur Verwirklichung dieser Aufgabe wurden weitere Untersuchungen beauftragt:

Das Tragwerksplanungsbüro Reuter und Mittnacht, Würzburg (heute Mittnacht, beratende Ingenieure), legte 2001 eine Konzeption zu einer Hilfskonstruktion vor, die weitere Verformungen der Konstruktion verhindern und dem Bestand als Stütze dienen soll:

Die geplante Hilfskonstruktion soll als ergänzende Stahlkonstruktion zwischen und neben die Hölzer des Dachtragwerkes eingepasst werden, um den Bestand möglichst unverändert beibehalten zu können. Bogenförmige Stahlprofile, die in ihrer Form etwa dem äußeren Dachverlauf folgen, sollen jeweils zwischen den hölzernen Dachbindern angebracht und an einem mittleren Druckring oben zusammengefasst werden. Als unteres Auflager und Lastverteiler soll das stark geschädigte Gebälk (der profilierte „Ringbalken“ über dem äußeren Säulenring) künftig durch einen Leimbinder-Ringbalken ersetzt werden. Die gesamte Last aus der Dachhaut, dem Dachtragwerk und dem abgehängten Innenboden kann dann über das stählerne Tragwerk abgeleitet werden. Der Innenboden erhält zur Verstärkung zwischen den waagerechten Tragbalken noch wenige Stahlprofile, die helfen sollen, den Boden zu ebnen. Das konzipierte Stahltragwerk ist von außen nicht sichtbar. Der Einbau der Hilfskonstruktion erlaubt, den Bestand zu bewahren, der mit seinen alten Reparaturergänzungen mittlerweile zu einem einmaligen historischen Dokument geworden ist. 

Die Wiederinbetriebnahme erfordert neben der Stabilisierung der Konstruktion aber auch, die blockierte Drehmechanik wieder frei zu stellen. Dazu muss die eingesunkene Dachkonstruktion mit dem daran hängenden Innenboden angehoben werden. Dies ist nur möglich, wenn die Verformungen des Tragwerks teilweise rückgängig gemacht werden.

Im Jahr 2007 wurde das Karussell eingehaust. Pferde und Kutschen wurden ausgebaut und in die Werkstatt des Restaurators gebracht. Das Dachwerk des Karussells wurde zur Vorbereitung der Untersuchungen und Instandsetzungsarbeiten freigelegt und gereinigt.

Das auf geodätische Vermessungsverfahren spezialisierte Architektenteam von Puttkamer und Dudek [6] , Darmstadt erstellte auf der Grundlage tachymetrischer Messungen, kombiniert mit einem Laserscanverfahren ein genaues Aufmaß des Karussells .

Wir versuchten, auf dieser Grundlage eine zeichnerische Rekonstruktion der ursprünglichen Geometrie des Tragwerkes zu erstellen. D$urch vergleichende Darstellungen mit diesem hinterlegten Rekonstruktionsschema konnte in den CAD-Aufmaßplänen eine Verformungsanalyse vorgenommen und das Schadensgeschehen am Gesamtbauwerk im Zusammenhang dargestellt und beschrieben werden. Mit Hilfe dieser und weiterer Untersuchungen sollte das Maß der Rückformbarkeit der Konstruktion ermittelt werden.

Die Besonderheit der historischen Konstruktion und das vorliegende Instandsetzungskonzept wurden vor Ort auch bei zwei Fachgesprächen diskutiert, an denen verschiedene Experten teilnahmen, die teilweise bereits mit der Problematik der Rückverformung historischer Holzkonstruktionen befasst waren. Neben den bereits früher bekannten Plänen und Archivalien lagen nun auch einzelne neue Bilddokumente vor.

Geschichte der Reparaturen:

Weiter wurden uns nun auch Transkriptionen von Bauakten des Staatsarchivs Marburg zur Verfügung gestellt, die im Auftrag der VSG von Frau Andrea Huber M.A. aus Mühltal im Jahr 2008 durchgeführt wurden. In diesen Akten kann man nachvollziehen, dass das Karussell nach der Fertigstellung im September 1780 wahrscheinlich 86 Jahre lang in Betrieb war. Die Ausstattung bestand in dieser Zeit aus sechs Pferden und zwei Wagen und einem hölzernem Antriebsmechanismus im Untergeschoss. Die Absenkungen, die sich aus dem Zusammenhang zu hoher Lasten und konstruktionsbedingter Schwächen in dieser Zeit ergeben haben, konnten anfangs durch Höherlegen des Innenbodens ausgeglichen werden. Dazu wurden wahrscheinlich die inneren Säulen sukzessive eingekürzt.

Die Akten berichten weiter von Kriegsschäden: Zuerst wurde das Karussell 1866 durch preußische Artillerie beschädigt. 1870/71 wurden das Karussell und seine Einrichtung im Zusammenhang mit der Einrichtung eines französischen Reservelazaretts in Wilhelmsbad weiter zerstört.

1872 sollte der Karussellpavillon auf Abbruch versteigert werden. Die beschädigten Pferde wurden zerstört. Es wird berichet, dass weitere Zerstörungen durch den Einspruch der Hanauer Bevölkerung verhindert wurden und 1873 die Sanierung des Karussellpavillons begonnen wurde.

1898 ging das Karussell mit neuer Ausstattung von vier Wagen und sechzehn Pferden und einem Antrieb durch Benzinmotor wieder in Betrieb. Im Untergeschoss wurden dazu ergänzend die Lagerung des Drehreifs auf einer U-Profilschiene und gusseisernen Rädern ebenso wie ein Zahnradkranz mit Vorgelegewelle eingebaut.

1934 wurden umfangreiche und einschneidende Reparaturarbeiten am Dach vorgenommen.

1936 soll sich das Karussell wieder gedreht haben.

Wahrscheinlich durch den Bombentreffer bei einem Luftangriff im November 1944 wurde das Karussell erneut schwer beschädigt. Unter anderem rissen die beiden eisernen Ringanker im Dach.

 


[1] Hinsichtlich dieser und der folgenden Schriftquellen beziehe ich mich auf die Archivalienrecherche und Transkription von Andrea Huber M.A., Mühltal, im Staatsarchiv Marburg (StAM).- StAM, 86/4245, Fol. 93-94.

[2] StAM, 86/4252, Fol. 122-123.

 

[3] Cancrin, Franz Ludwig von, Grundlehren der Bürgerlichen Baukunst nach Theorie und Erfahrung vorgetragen, Herausgeber: Carl Wilhelm Ettinger, Gotha, 1792

 

[4] StAM, 86/4245, Fol. 239, 239v.

[5] Görig, Werner: Aufnahme des Karussells im Kurpark Wilhelmsbad und dessen konstruktive Wertung in geschichtlicher und heutiger Zeit. In: Denkmalpflege und Heimatschutz. Bd. 28, 1926, S. 172 ff.

[6] Arbeitsgemeinschaft der Diplom-Ingenieure H. v. Puttkamer, Darmstadt mit Dipl.-Ing.  J. Dudek, Mühltal

[7] „Nach einem Hinweis aus dem Artikel von K. Dielmann zu Cancrins Abschlußbericht (Hessische Geschichtsblätter 24, 1973; dort Fußnote Seite 310 Nr. 14) vermutlich Hanauer Anzeiger vom 17. November 1934,

Zitat aus dieser Fußnote: "Die daselbst reproduzierte Tuschezeichnung des Hanau/Kilianstädter Malers Adam Bastian, welche die Zimmerleute bei der Arbeit zeigt, wurde von dem Künstler dem an der Restaurierung beteiligten Zimmerpolier Heinrich Wagner aus Heldenbergen dediziert. Durch Vermittlung von Baron Fritz von Leonardi ... wurde sie ... 1973 von dem 84jährigen Herrn Wagner für die Sammlungen des Historischen Museums Hanau gestiftet. ",  heute Hanauer Stadtarchiv“ Quelle: Ernst-Thomas Pürschel, Hanau