Die Geschichte des Wilhelmsbader Karussells

Ingrid Bahn, Dr. Gunther Hischebeth.......Stand November 2005 

 

Die Geschichte des Karussells in Hanau-Wilhelmsbad 1778-2005

ergänzt durch die Baugeschichte des Wilhelmsbades aus den Aufzeichungen des Erbprinzen Wilhelm 1777-1795

 

In seinen Lebenserinnerungen „Wir Wilhelm von Gottes Gnaden“ schreibt der spätere Kurfürst Wilhelm I. von Hessen-Kassel (1743 – 1821) für das Jahr 1777: „Im Laufe des Monats September wurde ich von verschiedenen Personen ersucht, ein Haus an dem „Guten Brunnen“ zu errichten, einem Ort, der beim Publikum beliebt und seiner Mineralquelle halber bekannt war, die mich persönlich von einer Knochenprellung, welche ich mir in Ansbach zugezogen, kuriert hatte. Für besagten Bau sah ich 8.000 Gulden vor. Man wird (aber) des weiteren sehen, daß es dabei nicht blieb, und daß ein Herzensanliegen ebenso wie die Lust am Bauen weiter führen, als man denkt“.

 

Der Bau der 1779 „Wilhelmsbad“ genannten Kuranlage wurde mit englischen Subsidiengeldern  --  einer damals gängigen und nicht anstößigen Praxis  --  finanziert. Bis zu seiner Fertigstellung 1782 betrugen die Baukosten etwa 228.000 Gulden. Die Möbel zur Errichtung beliefen sich auf annähernd 35.000 Gulden. Erbprinz Wilhelm gab bis 1782 rund 260.000 Gulden für sein Wilhelmsbad aus. Das Geld erlöste er  aus der Vermietung hanauischer und hessischer Soldaten an seinen Vetter, den englischen König Georg III.

 

Eine weitere Aufzeichnung über den Bau im Wilhelmsbad folgt 1778, nachdem der Erbprinz beim König von Preußen, Friedrich dem Großen (1712 – 1786), als Kriegsvolontär gedient hatte und nach Hanau zurückgekehrt war: „Ich fand den Guten Brunnen stark in Mode, den Pavillon zwei vollendet, überdies einen eingeschossigen Arkadenbau als Wandelhalle für die Wassertrinker und ein Haus für den Brunnenmeister. Die Anlage hatte Anklang gefunden, die Frankfurter kamen in Scharen herbei. Dies gefiel mir, und ich beschloß, den Ort und die Pavillons zu erweitern. Nummer eins und drei wurden begonnen.“

 

1779 notiert Wilhelm über sein Kurbad: „In diesem Frühjahr wurde unter dem Fundament des Pavillons Nummer eins eine neue Mineralquelle des Guten Brunnens entdeckt, die noch ergiebiger war als die alte. Im nämlichen Pavillon wurden zwei Säle und Duschbäder gebaut.“ Ein Dusch- oder Touchebad (bain de touche) war die Behandlung mit einem kalten Wasserstrahl, die bereits seit Ende des 17. Jahrhunderts aus Aachen bekannt war.

 

Später im gleichen Jahr gab er wieder: „In den ersten Maitagen ersuchte mich eine Abordnung von Unternehmern und Bürgern der Neustadt, dem Guten Brunnen meinen Namen zu geben. Ich willigte ein, und der Ort wurde Wilhelmsbad genannt. Ich hängte mein Herz immer mehr daran, ließ über dem alten Brunnen einen Tempel bauen und die beiden großen Alleen anlegen, von denen die eine zu den Höhen des Hartwigswaldes führt, die andere in Richtung Mittelbuchen verläuft.“

 

„Der 3. Juni, mein Geburtstag, wurde in Wilhelmsbad begangen. Die Prinzessin kam gleichfalls dorthin und legte daselbst den Grundstein zu dem neuen Tempel, von dem ich oben sprach.“

 

„Am 7. Juli (1779) begab ich mich nach Wilhelmsbad, wo ich mich als Wassertrinker etablierte. Es gab bereits Badegäste aus Frankfurt, die daselbst wohnten. Ich logierte im 3. Pavillon, und eigentlich erst seit dieser Zeit begann ich das Leben zu genießen  ... ... ... Der Andrang der Badegäste in diesem Sommer war so stark, dass es an Platz mangelte. Die  neuen Säle waren zu klein. Das Pharaospiel (ein Glücksspiel mit französischen Spielkarten) welches man hatte erlauben müssen, um Ausländer anzulocken, erwies sich als zugkräftig. (Auch) die Hanauer strömten unaufhörlich nach Wilhelmsbad. Der Reiz der Neuheit erhöhte die Wirkung.“

 

Im September 1779 protokolliert Wilhelm: „Der Platzmangel im Bad veranlasste mich, den Arkadenbau zu erweitern, dort drei große Säle anzubauen und zwei Etagen aufzustocken. Man begann sogleich damit, das Fundament auszuheben und den Bau soweit voranzutreiben, dass vor Jahresende das Dach gedeckt werden konnte, was gottlob ungeachtet der nassen Witterung gelang. Ich beschloß überdies, eine alte Ruine zu Wilhelmsbad in Gestalt eines alten Schlosses oder einer Burg zu bauen. Der Platz hierfür wurde in unmittelbarer Nähe des Bades im Wald auf einem Hügel am Ufer des Braubachs gewählt, den ich hatte schiffbar machen lassen. Das Fundament zu meiner neuen Behausung, die ich „Burg“ nannte, ward im September ausgehoben. Desgleichen wurde hinter der Arkade eine große Küche geplant und begonnen. Im November schuf man unter einem (Rund-)Tempel ein großes Karussell mit zwei Phaetons, die mit zwei Pferden bespannt waren, nebst zwei gesonderten Sattelpferden. ... ... ...  Der Kammerrat Cancrin war mein Architekt. Der Mensch war von sich dermaßen eingenommen, dass er auf niemanden hörte und gar die Bauleitung für sich beanspruchte. Ich suchte gleichwohl, von seinem Talent zu profitieren, ohne ihm indes zuviel Spielraum zu gewähren.“

 

Anfang 1780 hält der Erbprinz fest: „Zu Beginn dieses Jahres erhöhten sich die Arbeitskräfte an allen erwähnten Baustellen. Nahezu 900 Tagelöhner, Maurer, Zimmerleute und dergleichen mehr verdienten am neuen Badeort ihr Brot.  ... ... ...  Der Arkadenbau, der alle anderen Gebäude an Höhe überragte, sollte unbedingt den Mittelpunkt bilden. So baute ich einen Marstall oberhalb des dritten Pavillons und einen vierten Pavillon als Pendant zum ersten, der am Eingang liegt. Alles dies widersprach den Ansichten Cancrins, aber es blieb dabei.

 

Im Juli 1780 trägt er ein: „Ich ließ etliche Boutiquen für die Händler errichten, die in diesem Jahr viel verkauften.“

 

Später im Jahr: „Im Herbst ließ ich mit den Arbeiten zu einer Meierei im westfälischen Stil auf der Anhöhe zwischen der großen Allee und dem Weg nach Wachenbuchen beginnen.“

 

1782 berichtet Wilhelm: „Ich plante, den ganzen Winter hindurch in Wilhelmsbad, meinem Lieblingsort, zu weilen. Sobald die Witterung dies zuließ, nutzte ich die Zeit zum Pflanzen, um die begonnenen Bosketts und Alleen fortzuführen. Die Laube hinter dem Arkadenbau wurde in diesem Jahr fertig.“

Die Badesaison erlebte in diesen Jahren einen starken Andrang.

 

Weiter entnehmen wir seinem Tagebuch 1784:  „ ... ... ... am 5. Juli, reiste ich, nachdem ich alle Vorkehrungen in Marburg getroffen, nach Wilhelmsbad. Ich hatte soeben erfahren, dass eine große Anzahl Gäste dort angekommen sei.  Alle Quartiere waren belegt, was mir jedes Mal das größte Vergnügen bereitete.“

 

Sein innig geliebter ältester Sohn Friedrich starb überraschend am 20. Juli 1784 an den Folgen einer Kolik.

 

„Am 21. Oktober kehrte ich nach Wilhelmsbad zurück, in dem Glauben, fürs erste einmal Ruhe zu finden, doch es sollte nicht so sein. Im Sommer hatte ich ein kleines antikes Monument nach dem Vorbild des Cestius-Grabes zum Gedächtnis meines lieben Sohnes Friedrich begonnen. Als Standort war eine Insel im Teich vor meiner Burg ausersehen und eine Urne aus weißem Marmor in Kassel in Auftrag gegeben worden, von wo ich sie im nächsten Frühjahr erwartete. Das steinerne Grabmal in Form einer Pyramide wurde ebenfalls vollendet, als traurige Erinnerung des unwiederbringlichen Verlustes, den ich erlitten und welcher mich so viele Tränen gekostet.“

 

 1785 können wir lesen: „Etliche Personen stellten sich zur Badesaison in Wilhelmsbad ein.  ... ... ... Am 1. Juli kam der berühmte Arzt Johann Georg (Ritter  von) Zimmermann, der königlich großbritannische Leibarzt nach Wilhelmsbad. Er steuerte zu dessen Ruf bei, indem er Wässer und Kuren lobte. ... ... ... Der    Geburtstag der Prinzessin am 10. Juli ward mit Illumination im Bad und einer Wasserpartie auf dem Kanal begangen.“

 

Am 31. Oktober 1785 starb der Vater Wilhelms, Landgraf Friedrich II. von  Hessen-Kassel. Damit musste Wilhelm nach Kassel übersiedeln und als Landgraf Wilhelm IX. die Regierungsgeschäfte der Landgrafschaft Hessen-Kassel übernehmen.

 

Sein Wilhelmbad verdankt diesem Umstand, daß es in den folgenden 200 Jahren in nahezu unveränderter Form überdauern konnte.

 

Doch nun zurück zum Karussell:

 

Das Karussell, auf einem künstlich aufgeworfenen Hügel im südlichen Teil des Parks, ist das einzige zur Kurzweil errichtete Gebäude aus der Kurzeit, das noch erhalten ist. Erbprinz Wilhelm genehmigte im Mai 1779 die Bauausführung. Die Bauzeit dauerte von November 1779 bis September 1780.

 

Es besteht aus zwei Teilen, dem unterirdischen mit der Technik und dem oberirdischen offenen Karusselltempel auf einem zweistufigen Sockel, einem griechischen Rundtempel mit doppelter Säulenstellung nachempfunden. Er sollte das Karussellinnere vor den verschiedenen Witterungseinflüssen schützen.

Zielpunkt zahlreicher Blickachsen in der Parkanlage ist das Karussell. Diese Art Tempel wurde schon im Barock (Ende des 15. Jahrhunderts), bis in der Zeit des Klassizismus (ca. 1830) gerne als Gartenschmuck verwendet.

 

Die erste Ausstattung bestand aus zwei mit zwei Pferden bespannten vierrädrigen Wagen und zwei einzelnen Reitpferden, wie es der Hofmaler des Erbprinzen Wilhelm Anton Wilhelm Tischbein in einem Kupferstich von 1783, der von Gotthelf  Wilhelm Weise gestochen wurde, wiedergegeben hat. Um die schaukelnde Gangart der Pferde nachzuahmen, waren sie mit der Hinterhand und dem Schwanz auf einem Laufreifen befestigt. Mit einem durch den Schweif eingeführten und im Rumpf befestigten Eisenbügel wurden sie in Galoppstellung gehalten. Da diese Bügel federten, konnten die Reiter ihre Pferde durch Verlagerung des Gewichtes in Bewegung setzen. Leider ist von dieser originalen Ausstattung nichts erhalten geblieben.

 

Im Park war das Karussell eine Vergnügungsstätte, in dem Elemente der ritterlichen Lebensertüchtigung weiterlebten. Die Herren konnten einen Türkenkopf absäbeln, Bälle in weit aufgerissene Mäuler von Mohren werfen. Damals gab es den Spruch: „Der reißt sein Maul auf, wie ein Wilhelmsbader Ballemann“. Dieser Ausspruch bedeutete, es handelte sich um einen Angeber. Auch das Pfeilwerfen und das sogenannte Ringelspiel waren beliebt, wobei man den Ring, den eine künstliche Taube auf- und abfliegend schwenkte, treffen mußte. Weiterhin konnte mit einer Lanze nach Ritter Georgs Líndwurm gestochen werden. Traf man ihn ins Auge, so spie er Feuer; verwundete man ihn am Herzen, so brach er in Geheul aus; wenn man nachts den Zielpunkt traf, so fuhr aus ihm eine Feuerrakete in die Luft. Während die Herren sich hervortaten, saßen die Damen  in den Kutschen und hatten viel Spaß am bunten Treiben.

 

Auch Johann Wolfgang (von) Goethe besuchte Wilhelmsbad und fuhr mit dem Karussell. Er betrachtete das Vergnügen von den Kutschen aus. Dabei sollen ihm die Zeilen der Iphigenie  aus dem 4. Aufzug, 5. Auftritt, eingefallen sein:

           

              „Sie aber, sie bleiben, 

              Aus Schlünden der Tiefe

              In ewigen Festen 

              Dampft ihnen der Atem,

              An goldenen Tischen.  

              Erstickter, Titanen

              Sie schreiten vom Berge  

              Gleich Opfergerüchen

              Zu Bergen hinüber;      

              Ein leichtes Gewölke.“

 

Anfänglich wurde das Karussell mit Muskelkraft Bediensteter gedreht, danach durch die Kraft von Maultieren oder Pferden. Der Antriebsraum in dem in den Felsen versenkten Kellergeschoß ist von einem eigenen Zugang vom Fuße des Karussellhügels aus erreichbar. Drei Lichtschächte führen ihm Licht und Luft zu.

Eine Karussellfahrt, das bedeutete 12 vollständige Umdrehungen, kostete damals 24 Kreuzer. Dies entsprach dem Tageslohn eines Knechtes. Im Vergleich dazu kostete ein möbliertes und tapeziertes Zimmer in der Kuranlage 30 bzw. 40 Kreuzer.

 

Im Abschlußbericht von 1781 an den Erbprinzen formulierte Franz Ludwig Cancrin:

„... ... ... es ist aber dieses Caroussell woran der Boden ganz frei in der Luft hängt, das erste in seiner Art, weil bei den sonst bekannten Caroussells die Boden mit  Wagen und Pferden umgedreht werden.“

 

Eine erste, möglicherweise idealisierte Beschreibung des Karussells durch  den Philosophieprofessor C. L. Hirschfeld, der auf eine Anstellung beim Erbprinzen hoffte, entnehmen wir seinem Werk „Theorie der Gartenkunst“ von 1785:  „... ... ...  in der Mitte befindet sich ein Platz, wo der Zuschauer sitzen und zugleich sein Auge mit der angenehmen Aussicht umher unterhalten kann. An der äußeren Reihe der Säulen sind Vorhänge angebracht, die bey Sonnenhitze und Regen herunter-gelassen werden. ... ... ... Ein herrliches und kostbares Werk.“

Die Aufsicht über alle in Wilhelmsbad abgehaltenen Spiele hatte bis Mitte des 19. Jahrhunderts der Hofgärtner. Für kurze Zeit wurde das Karussell von den Spiel-pächtern der Spielbank im Kurhaus unentgeltlich betrieben mit der Auflage, es zu bewachen.

 

Von 1850 bis 1868 war das Karussell an einen Hanauer Bürger verpachtet. Der Pachtvertrag beschreibt die schöne Erstausstattung des Karussells von 1780.

Wir lesen in der Bestandsliste von 1850:

 

Caroussell

1.  Zwei vergoldete Wagen mit Kissen, der eine roth mit grün, der andre grün

     mit Bronze, jeder mit 2 Pferden, wovon 2 braun und 2 schwarz angestrichen

2.  Zwei Reitpferde mit vollständigen Satteln und –zeug (eins der Pferde ist ein  

     Schimmel, das andere ein Rappen).

3.  Vollständige Geschirre für 4 Wagen-Pferde.

4.  Sechs Chavraquen, blau mit roten Einfassungen.

5.  Die sämtl. Bretter zum Verschlag, welche inwendig oben mit Hacken und

     unten mit  Steckklammern befestigt werden.

6.  Ein Schwan mit Ringen

7.  Stecheisen zum Ringestechen  

 
In seinen Erinnerungen hielt Carl Caesar von Leonhard im Jahre 1854 fest:
„Noch am Ende des Badelebens in Wilhelmsbad war das Karussell eine Attraktion.“

 

1866 fügten preußische Artilleristen dem Karussell starke Beschädigungen zu.

 

1870 / 1871 erfolgten weitere Zerstörungen durch französische gefangene Lazarettkranke. Das im fernen Berlin gelegene Ministerium für Forsten und Domänen entschied nun, die Karusselleinrichtungen zu verkaufen und das Gebäude auf Abriß zu versteigern.

 

Der Hanauer Chronist Wilhelm Ziegler berichtet am 30. März 1872: „vormittags 9 Uhr am Wilhelmsbad durch das königliche Rentamt (Baur) versteigert:

  ·  die Überreste des freventlich zerstörten Carussell, Einrichtungen an Wagen,

     Pferdegeschirren pp.,

  ·  die sämtlichen Bretter zum Verschlag des Carussell-Pavillons und

  ·  die in starken Eisen- und Holzteilen bestehenden Dreh-Maschinerien.

Das ganze wurde durch den hiesigen Schreinermeister Anton Germershausen zum Preise von 34 Talern gekauft, und am 2. April mit dem Abbruch desselben begonnen.“

 
Am 3. April 1872 schreibt Ziegler:
„ ... ... ... fand Herr Germershausen beim Zerschlagen des von ihm erkauften Carussell-Pferdes in dessen Bauch die Jahreszahl 1780 angebracht, wahrscheinlich die Zeit der Erbauung bezeichnend.“

 

Entschieden widersetzte sich die Hanauer Bevölkerung jedem weiteren Abbruch. Mit Erfolg!!

 

Die Versteigerung wurde abgesetzt. Bauinspektor Wagner plädierte für eine Instandsetzung, um das Gebäude zu erhalten. Er erstellte am 12. Mai 1873 eine Ansichts- und Grundrissskizze mit einem Kostenvoranschlag zur Sanierung. Die notwendigen Maßnahmen wurden durchgeführt und anschließend eine Bewachung für das Karussell angeordnet.

 

Fast ein viertel Jahrhundert stand das Karussell still. Dann pachtete 1896 der Hanauer Holzhändler und Zimmermeister Bernhard Scherf das Karussell für 20 Jahre mit der Auflage, das Karussell wieder einzurichten und in Betrieb zu nehmen.

 

Herr Scherf ersetzte den Pferdeantrieb durch einen Benzinmotor. Zu diesem Zwecke wurden die gußeisernen Räder an den Stielen im Keller befestigt, der U-Eisenkranz, der Zahnradkranz an den Streben und die beiden quer durch den Kellerraum verlaufenden Balken mit allem Zubehör eingebaut. Die äußere Säulenhalle wurde durch eiserne Rolläden verschließbar gemacht und zwischen den inneren Säulen kleine Stoffdraperien angebracht.

 

Im Frühjahr 1898 drehte sich das Karussell wieder. Die Instandssetzungskosten schlugen mit 20.000 Mark zu Buche. Die neu angeschafften Karossen und Pferde wurden entsprechend eines an einem der samtgepolsterten Kutschen angebrachten Firmenetiketts von „Fritz Bothmann u. Glück, Maschinen- und Carousselfabrik, Gotha i. Thüringen“ geliefert. Die Zahl der Wagen wurde auf 4, die der Pferde auf insgesamt 16 erhöht und ist bis heute erhalten, wenn sie auch die beiden Weltkriege und die Zeiten danach nicht ganz ohne Schäden überstanden haben.

 

Noch heute lebende Zeitzeugen berichteten, dass sie 1920 und auch 1925 mit dem Karussell fuhren. Dabei spielte ein Orchestrion zur Unterhaltung der Gäste und der Antrieb erfolgte mittels reich geschmückter Pferde.

 

1922 stufte der Konservator für Denkmalpflege im Regierungsbezirk Kassel das Karussell als baugeschichtlich hochwertiges Denkmal ein, das unbedingt zu erhalten sei.

 

Regierungsbauführer Dipl. – Ing. Werner Görig aus Potsdam befürwortet im Jahre 1926 in seiner Arbeit  << Aufnahme des Karussells im Kurpark Wilhelmsbad und dessen konstruktive Wertung in geschichtlicher und heutiger Zeit >>  „ ... ... daß die Konstruktionen heute ebenso wie vor 135 Jahren ihren Dienst tun!... ... die gründliche Instandsetzung und im Interesse der Denkmalpflege wäre eine baldige Ausführung erwünscht.“

1926 ließ der damalige Pächter der „Große Park – Wirtschaft“ Schmidt, einen Elektromotor einbauen. Bis 1929 drehte sich – nach Aussagen mehrerer Zeitzeugen - an Sonn- und Feiertagen das Karussell, dann blockierte der innere Fußboden den Antrieb. Seit damals steht das Karussell und hält bis heute seinen Dornröschenschlaf.

 

1934 begannen Sanierungsmaßnahmen: Pferde und Wagen wurden abgebaut und zur Reparatur im Comoedienhaus untergestellt. Der Frankfurter Ferdinand Kramer  -- 1968 / 1969 Architekt bei der Wiederherstellung des Comoedienhauses -- schrieb in „Wilhelmsbad und sein Theater“: „Es war im Herbst 1937, daß ich einmal die Eingangstür offenstehend fand und dann eintrat: die zur Reparatur vom Karussell abmontierten Pferde saßen in den Logen  --  ein Anblick von wahrhaft surrealem Charakter, der durch den verwahrlosten Zustand des Bauwerks und das Dämmerlicht des Innenraums noch gesteigert wurde.“ Zum Schutz vor Kriegseinwirkungen lagerten dann die Pferde und Kutschen im Keller des Comoedienhauses und blieben dort bis 1968 / 1969.

 

Im November 1934 wurde unter der Leitung von Baurat Albert Tuczek nahezu die gesamte, als Hängewerk ausgebildete Dachkonstruktion erneuert. Bis zum Frühjahr 1936 erfolgten umfangreiche Instandsetzungsarbeiten am Karusselltempel. Das „Frankfurter Volksblatt“ hielt im Mai 1936 fest: „Schon lässt sich das Werk wieder drehen.“

 

Eine Anwohnerin Wilhelmsbads äußerte, dass die Amerikaner im Krieg keine Sprengung im Bereich des Karussells vorgenommen hätten, wohl aber habe eine Bombe seitlich eingeschlagen und das Karussell beschädigt. Der Tunnel zum Maschinenraum im aufgeschütteten Hügel diente den Anwohnern während des Krieges als Bunker.

 

1968 / 1969 fand der Wiederaufbau des Comoedienhauses statt. Bei dieser Gelegenheit wurden dringende Reparaturen am Karussell, an den 4 Kutschen und 16 Pferden ausgeführt und die originale farbliche Ausstattung wieder aufgebracht. Die Renovierungskosten betrugen 75.000 DM. Zur Freude der Besucher kehrten die Pferde und Kutschen an ihren bis dahin verwaisten Platz zurück.

 

An die äußere Säulenreihe wurde zum Schutz gegen Witterungseinflüsse eine rot-weiße Markise angebracht. Doch erwies sich eine zugezogene Markise als schädlich, da hierbei kein Luftaustausch stattfindet und somit die Feuchtigkeit nicht aus dem Karussell entweichen kann.

 

Die zur Sicherheit angebrachten Gitterstäbe verhinderten jedoch nicht, daß 12 Karussellpferde in der Nacht von Montag, 19. auf Dienstag, 20. Januar 1976 gestohlen wurden. In der Nacht vom 3. zum 4. Februar 1976 nahm die Polizei die Diebe --  vier junge Personen  --  fest. Alle Pferde konnten sichergestellt werden und brachte sie an einen für die Öffentlichkeit unbekannten Ort.

Anfang Oktober 1976 wurden die vier Diebe der Karussellpferde zu Freiheitsstrafen zwischen 30 und 9 Monaten Jugendstrafe verurteilt.

 

Im April 1976 diente das Karussell als Filmbühne für den Fernsehmehrteiler des Hessischen Rundfunks: „Ein Winter, der  ein Sommer war“ von Sandra Paretti. Für die Drehzeit baute der HR die Pferde wieder ein. Mit besonderer Technik und Tricks „drehte“ sich nach langen Jahren zum letzten Mal kurzfristig das Karussell.

 

Nach Ausbesserungsarbeiten kamen die Pferde im November 1976 an ihren angestammten Platz zurück. Zur Sicherung des Karussells wurden daraufhin die Gitterstäbe enger gestellt und eine Alarmanlage installiert. Danach ist viel Zeit ins Land gegangen und der Zahn der Zeit nagt am Karussell.

 

In der Zwischenzeit (April 1998) gründete sich der „Förderverein für das Karussell im Staatspark Hanau Wilhelmsbad e.V.“, der sich für die Erhaltung des einmaligen Baudenkmals einsetzt.

 

In Abstimmung mit dem Eigentümer des Karussells, dem Land Hessen, vertreten durch die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten in Bad Homburg, liegt seit 2001 ein Sanierungsdrehbuch für das Karussell vor. Erstellt wurde dies vom Architektur– und Ingenieurbüro BHS aus Darmstadt.

 

Von der Verwaltung Staatlicher Schlösser und Gärten (VSG) wurde im Jahre 2005 das Hessische Baumanagement (HBM), Niederlassung Rhein-Main, zur Mitarbeit an den Sanierungsarbeiten eingeschaltet.

 

 

Quellen u. a.:

Wir Wilhelm von Gottes Gnaden, die Lebenserinnerungen Kurfürst Wilhelms I. von Hessen, 1996,

Campus Verlag Frankfurt, ISBN 3-593-35555-8

Elke Conert: Wilhelmsbad  -  Garten der Empfindsamkeit, 1997,

CoCon-Verlag Hanau, ISBN 3-928100-44-0

Wilhelmsbad und sein Theater, Hsg. Comoedienhaus Wilhelmsbad, 1969

Hanauer Geschichtsblätter

B. Clausmeyer – Ewers und I. Löw  -  Staatspark Hanau-Wilhelmsbad, 2002,

Schnell & Steiner, ISBN 3-7954-1456-5

Altmannsperger, Führer „Hanau“, um 1900

Ziegler Chronik, 19. Jh.

diverse Zeitungsausschnitte, weitere Veröffentlichungen

 

 

 

Kontakt:

Förderverein für das Karussell im Staatspark Hanau-Wilhelmsbad e.V.

info@karussell-wilhelmsbad.de

 

 

 

 


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