Die Technik des Wilhelmsbader Karussells


Text: Dipl. Ing. Roland Bahn   Stand November 2005

 

Konstruktive Grundsätze

 

Der Architekt des Wilhelmsbades und seiner Bauten, Franz Ludwig von Cancrin, war nicht nur Planer, er hatte auch Bergwerkswissenschaften studiert. So war er in der Lage, eine besondere Konstruktion für den Antrieb der Wagen und Pferde zu entwickeln. Warum dies nicht auf Dauer funktionierte, wird später erläutert.

 

Die äußere Form des römischen Rundtempels war schnell festgelegt (und vom Erbprinzen genehmigt). Der innere Boden sollte sich nicht mitdrehen, wie es bei Karussells üblich ist. Dazu mußten aber die Lasten des Bodens über die Dachkonstruktion auf die äußeren Stützen abgeleitet werden. 

 

Hierzu wurden die inneren Säulen als Zugstäbe (verkleidet wie Säulen) ausgebildet und in die Dachkonstruktion eingehängt. Um diese Lasten nun nach außen auf die Stützen abzugeben, wurden die Dachbinder als sogenannte Hängesprengwerke (Tragwerke) konstruiert. Ein Sprengwerk will sich bei angehängten Lasten nach unten durchbiegen und am äußeren Rand nach außen ausweichen.

 

Um diese unerwünschten Wirkungen zu verhindern, werden Streben und Zangen eingebaut. Da aber bei einem Rundtempel jeder der (sechs) Dachbinder in der Mitte gestoßen werden mußte (an einer Mittelsäule) und das Dach als Ganzes zu flach war -aus architektonischen Gründen-, zudem viele Knickpunkte in der Konstruktion vorhanden sind, war das ausgeführte Hoztragwerk zu weich, um die Lasten tragen zu können. Durch die äußere, festliegende Form des Daches mit den „Gewölben“ innen (die geputzen Flächen der Decke) konnten diese Zangen nicht an den Fußpunkten der Dachbinder angesetzt werden, sondern viel zu hoch. Dadurch musste die Konstruktion unter Last nachgeben. Die Folge: Der freischwebende Fußboden legte sich auf die Drehkonstruktion auf und verhinderte so die Bewegung.

 

Der Antriebsmechanismus:

Die Pferde und Wagen sind auf einem Drehring befestigt, der in einem Spalt zwischen (festem) äußeren Boden und (freischwebendem) inneren Boden verläuft. Dieser Drehkranz wird von einer Konstruktion unterstützt, die Ähnlichkeit mit einem Regenschirmgerippe zeigt. 16 radial verlaufende Balken sind in einem Drehstiel (Königsstuhl) eingezapft und von schrägen Streben unterstützt. Die unterhalb der Schrägen vorhandenen Zapfenlöcher im Drehstiel sind nicht eindeutig zuzuordnen. Möglicherweise waren dort einst schräg nach unten und außen verlaufende Streben eingezapft, um der Konstruktion mehr Stabilität zu geben. Genauere Informationen darüber sind nicht vorhanden.

 

Der Drehstiel ist in einer Grube gelagert, vermutlich auf dem gewachsenen Boden (Fels?). Die eigentliche Drehbewegung erfolgte über einen durch die Mittelachse gesteckten Balken. An dessen Enden wurde zunächst mit Menschenkraft, später durch Maultiere oder Pferde gezogen. Diese gingen im Kreise innerhalb der Holzstiele, die den außerhalb des Drehrings liegenden Teil des Fußbodens abstützten.

 

Wie lange das Karussell betriebsfähig war, ist nicht nachvollziehbar; zu unterschiedlich sind die Aussagen darüber. Im Parkpflegewerk von 2002 schreibt die Autorin Bettina Clausmeyer-Ewers: „Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts blieb das große Karussell unter der Aufsicht der Hofgärtner. Nachdem das große Karussell kurze Zeit unentgeltlich von den Glücksspielpächtern betrieben wurde, unter der Auflage, die Bewachung sicherzustellen, erfolgt um 1850 bis 1868 die Verpachtung an einen Hanauer Bürger."

 

Es kam 1866 zu starken Beschädigungen der Spieleinrichtungen; im Krieg 1870-71 kam es zu weiteren Zerstörungen am Karussell. Man kann also schlußfolgern, daß es ab diesem Zeitpunkt nicht mehr betriebsfähig war.   

 

Die genannte Autorin schreibt später, daß nach 1873 eine Instandsetzung erfolgte und fährt fort: „1896 wurde der Karussellpavillon schließlich an einen Hanauer Zimmermeister für 20 Jahre verpachtet." Zu diesem Zeitpunkt wurde die Stabilisierung des Drehschirmes und des umlaufenden Reifes durchgeführt. Der Reifen wurde durch ein U-Eisen unterstützt, das über eiserne Räder lief, die an den Holzstielen der äußeren Fußbodenabstützung befestigt wurden, Antrieb durch einen Benzinmotor. Die Kraft wurde über Transmission und Ritzel auf einen Zahnkranz übertragen, der unter die schrägen Streben montiert war. Wie lange das Karussell damit betriebsfähig war, ist nicht bekannt.

 

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts drehte sich, nun mit einem Elektromotor ausgestattet, für kurze Zeit letztmalig das Karussell. Seitdem liegt es in einem"Dornröschenschlaf", aus dem es wieder geweckt werden soll.

Kontakt:

Förderverein für das Karussell im Staatspark Hanau-Wilhelmsbad e.V.

info@karussell-wilhelmsbad.de

 

 

 

 


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